Von der internationalen Energieagentur (IEA) wurde kundgetan, dass es zu wenig Öl am Markt gibt. Wenn es zu keiner deutlichen Steigerung der Fördermenge und einem Rückgang beim Verbrauch kommt, werden auch in Zukunft die Preise auf diesem hohen Niveau bleiben“, meint dazu Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energieagentur, in Wien. Seiner Meinung nach ist die derzeitige Preisexplosion nicht ausschließlich durch Spekulationen veranlasst, wie es die Sichtweise der Opec ist, sondern hat fundamentale Gründe. Und auch die Dollarschwäche könne die Situation nicht erklären. Die Produktion eines Fasses Öl im Nahen Osten kostet 20 Dollar. Der Verkaufspreis beträgt das Vier- bis Fünffache. Das ist auch mit einem schwachen Dollar noch ein gutes Geschäft. Pirol plädiert für eine kräftige Anhebung der Förderung von derzeit 85 Mio Fass pro Tag. Eine konkrete Zahl will er nicht nennen. Dies sei Sache der Opec, die als einzige noch die Möglichkeit zu einer Förderausweitung habe. Die Förderung der Nicht-Opec-Mitglieder ist nicht mehr erweiterbar und sinkt. Ein Indikator sei jedoch die vorhandene Reserve-Förderkapazität. „Derzeit könnten rund drei Mio Fass pro Tag zusätzlich gefördert werden. In den 80er und 90er Jahren hatten wir bei einem deutlich kleineren Ölmarkt eine Reserve-Kapazität von fünf Mio Fass pro Tag. Das wäre ein komfortabler Polster.
Doch nicht nur die Angebotsseite sei für den Preisanstieg verantwortlich. So sorgen vor allem die beiden Boom-Nationen China und Indien für eine rasant steigende Nachfrage. Im Jahr 2030 wird China 13 Mio Fass pro Tag verbrauchen. Das entspricht dem derzeitigen Verbrauch der USA. Zu diesem Zeitpunkt werden 140 von 1000 Chinesen ein Auto besitzen. In der EU besitzen bereits jetzt 680 von 1000 Personen ein Auto. Diese Zahlen veranschaulichen die zukünftige Entwicklungsperspektive. Wenn sich auf der Angebots- und der Nachfrageseite nichts Grundsätzliches ändert, wird es zu einem Versorgungsengpass kommen.
Wobei man den Chinesen und Indern nicht vorwerfen könne, dass sie derzeit ein starkes Wirtschaftswachstum haben. Europa und die USA müssten diesen Ländern jedoch Angebote (wie den Transfer von Energiespartechnologie) machen, damit sich die Nachfrage abschwächt.
Ein weiteres Problem sei die steigende Abhängigkeit von wenigen Lieferländern. Zuwächse bei der Förderung kommen nur noch aus fünf Ländern: Saudiarabien, dem Irak, Iran, Kuwait und den Vereinigten Emiraten. Dort seien die Ölreserven in der Hand der staatlichen Ölgesellschaften und nicht in der der Ölmultis. Letztere haben bislang bei Preisanstiegen immer den Ölhahn aufgedreht.
Ein kleiner Zwischenfall in einer Raffinerie oder bei einer Pipeline könnte zu einem weiteren Preissprung führen. Dennoch wird die IEA nicht empfehlen, die Ölreserven anzuzapfen. Das sollte nur passieren, wenn es einen physischen Versorgungsengpass gibt.
